Uppsala

„Futur/Present. Current Practices in Pop Music Studies“

19.–20. Juni 2018

Departement of Musicology (Uppsala University)

 

Exkursionsbericht der Studierenden Johannes Kainz, Katharina Karner,

Eva Krisper, Lukas Proyer und Anna Suschnigg

 

 

Bereits zum vierten Mal ermöglichte das Institut für Jazzforschung einer kleinen Gruppe von Musikologie-Studierenden die Teilnahme an einer Tagungsexkursion. Diesmal ging es nach Schweden, genauer gesagt in das hübsche Städtchen Uppsala, das nur ca. eine halbe Stunde mit dem Zug von Stockholm entfernt liegt.

Die Tagung mit dem Titel „Future/Present. Current Practices in Pop Music Studies“ wurde unter der Leitung der ehemaligen Grazer Studentin Veronika Muchitsch (derzeit dort PhD-Anwärterin) und dem Vorstand des Instituts für Musikologie Lars Berglund an der Universität Uppsala organisiert. Vorrangige Ziele dieser Konferenz, so wurde vorab erläutert, waren die Thematisierung aktueller theoretischer und methodologischer Entwicklungen in den Pop Music Studies über thematische und disziplinäre Grenzen hinweg sowie die Förderung des Diskurses über zukünftige Richtungen der Popmusikforschung in der Musikwissenschaft in Schweden, aber auch den nordischen Ländern sowie international – erstrebenswerte Vorhaben, wie wir fanden.

 

Montag, 18. Juni, 07:00 Uhr, Grazer Hauptbahnhof: Überraschend muntere Gesichter begegneten sich am Bahnsteig 1, bereit für die insgesamt ca. 12-stündige Reise gen Norden. Dank leichtem Gepäck und trotz vereinzelter Sprengstoffkontrollen etwas später am Wiener Flughafen sowie einem kleinen durch uns mitverschuldeten personellen Missverständnis im Flugzeug (welches eine Abflugverspätung provozierte), verlief die Anreise nach Stockholm relativ unspektakulär. Während der anschließenden Zugfahrt nach Uppsala durch die schwedische Peripherie sammelten wir schließlich erste Eindrücke von der malerischen skandinavischen Landschaft. Ok cool.

Angekommen in Uppsala bezogen wir das gebuchte Hotel: quadratisch, praktisch, gut. Der spärliche Einsatz von Fenstern dürfte bestenfalls durch die nordischen Jahreszeiten (hier: Polartag) begründet sein. Nach einer besonders gemütlichen, typisch schwedischen Pizza- und Pasta-Mahlzeit trafen wir zudem auf bekannte Gießener KollegInnen sowie Studierende und tauschten erste Reiseanekdoten aus. Gut gestärkt waren wir nun bereit für den Tagungsbeginn am nächsten Morgen.

 

Dienstag, 19. Juni, 07:30 Uhr, Hotel Centraal in Uppsala: Gießener Bekannte und ein Waffelfrühstück versüßten uns den Morgen. Bis zum Museum Gustavianum – der Veranstaltungsort der Tagung – war es nur ein kurzer Fußweg über die Fyris. Vor Ort angekommen, entdeckten wir ein weiteres bekanntes Gesicht: Monika Voithofer, PhD-Kandidatin der Uni Graz, stand namentlich nicht nur im Programmheft, sondern auch in persona an der Kaffeetheke. Aufgrund der bewusst klein gehaltenen Konferenz – insgesamt wurden 20 Beiträge von knapp sechzig eingereichten Abstracts für die Präsentation in den zwei Tagen ausgewählt – kamen wir relativ schnell mit den übrigen TeilnehmerInnen bzw. Vortragenden ins Gespräch. Auffällig war jedoch, dass abseits der Gießener Studierenden und uns keine studentischen ZuhörerInnen anderer Universitäten (auch nicht der Universität Uppsala) der gebührenfreien Konferenz beiwohnten – was über die (Orte der) Zukunft der Popularmusikforschung, um die es hier ja auch gehen sollte, einiges aussagt!

 

Die Tagung war in unterschiedliche Orientierungsblöcke gegliedert: Bodies Across Time And Space, Politics Of Race, Popmusic As (Eco-)System And Apparatus, Current Perspectives In Analysis, Theorising New Song Forms, Moving Beyond Genre?, Looking Back: Nostalgia and Age – wie man merkt, war die Tagungssprache ausschließlich Englisch.

Eröffnet wurde die Tagung durch die Hauptrednerin Robin James (University of North Carolina at Charlotte, USA) mit ihrem Vortrag „Novelty, Speculation, Heartbreak: How Pop Music Conceives of ‚The Future‘ (1983–2017)“. Mit Anknüpfungspunkten zu Social Media Plattformen, Neoliberalismus und Gender Politics war diese erste Keynote von James zwar reich an kulturphilosophischen Inhalten und Modellen, allerdings vermissten wir konkrete musikwissenschaftliche, also für uns Musikologie-Studierende greifbare, Bezugnahmen zur (derzeitigen) Popmusik; vor allem durch James‘ Rekurs auf die Disziplin der sogenannten General Studies wurde alle Klarheit beseitigt.

Dem Vortragenden Matt Brennan (University of Edinburgh, UK) hingegen gelang es, einen spannenden Bogen mit aus dem Lexikon der Umweltwissenschaften geborgten Begriffen wie Ökologie, Ökosystem sowie Nachhaltigkeit über den Fachbereich Popular Music Studies zu spannen. In seiner Präsentation „On Musical Ecosystems and Sustainability“ stellte Brennan mögliche Zukunftsperspektiven für die Gestaltung der Popmusik(forschung) aus derzeit angesagter ökologischer Perspektive – dem „ecological turn“ – zur Debatte: Mit Hilfe von Literatur aus Bereichen der Musikmarktforschung, Musikwissenschaft, Ethnomusikologie, Musiksoziologie und den Popular Music Studies beschrieb er die Verwendung des Begriffs des „musikalischen Ökosystems“, ein aktuelles Leitmotiv der Diskussion sowohl von WissenschaftlerInnen als auch MusikerInnen abseits akademischer Kreise, dessen mögliche Auswirkungen Brennan diskutierte und kritisierte.  

Im Großen und Ganzen konzentrierten sich die Konferenzbeiträge des ersten Tages auf die Schwerpunkte Gender, Race, Age sowie Economics und orientierten sich vorrangig an den Cultural Studies. (Pop-)Musik stand dabei eher im Hintergrund, was überwiegend an vergangene Dekaden popmusikbezogener wissenschaftlicher Diskurse erinnerte: Soziale, kulturelle und ökonomische Fragestellungen wurden (und werden) in einem höheren Ausmaß untersucht als etwa Fragen der klanglichen Gestaltung populärer Musik.

Schwedische, österreichische und deutsche Gewohnheiten der Wissenschaft wie des Alltags wurden beim Conference Dinner im sogenannten Musicum diskutiert, das mit veganer Verköstigung, leckerem Wein sowie Musik von Rihanna und Taylor Swift aufwarten konnte. Am Ende dieses anstrengenden, aber inspirierenden Konferenztags beschlossen wir, unsere Gedankenapparate mit einem Glas Öl (zu Deutsch: Bier) und Gin zu schmieren.  

 

Mittwoch, 20. Juni, 08:45 Uhr, Auditorium Minus: Anne Danielsen (University of Oslo, Norwegen) eröffnete als zweite Hauptrednerin mit dem Titel „Analysing Popular Music in the Digital Age“ den Tag. Anhand von Musikbeispielen diskutierte sie neue Technologien der Musikproduktion, deren Auswirkung auf das musikalische Produkt und wie diese Technologien und Produkte analysiert werden können. Zudem ging die norwegische Wissenschaftlerin auf sogenannte „Prosumption“-Praktiken ein, die im digitalen Zeitalter in Form von Remix, Sample und Mashup auftreten. Technologisch hervorgebrachte rhythmische und metrische Phänomene in R&B, Rap sowie elektronisch produzierter Tanzmusik standen im Zentrum ihres Vortrags, wobei die Schlagzeug spielende Professorin zudem den Zusammenhang von Groove und Körperlichkeit herausarbeitete und abschließend auf ihr Forschungsprojekt „Timing and Sound in Musical Microrhythm (TIME)“ am von ihr geleiteten RITMO Centre for Interdisciplinary Studies in Rhythm, Time and Motion an der Universität Oslo verwies.

Die nachfolgenden Vorträge behandelten im Gegensatz zum vorigen Tag in erster Linie die Themenschwerpunkte Musiktheorie und Analyse, wie beispielsweise von den Gießener Kollegen Ralf von Appen und Markus Frei-Hauenschild (Justus-Liebig-Universität Gießen) anhand von neuen Songformen demonstriert wurde: Im Rahmen ihrer gemeinsamen Präsentation wurden die Ergebnisse ihrer Korpusanalyse der Top-Ten Billboard-Charts von 2006–2016 vorgestellt. In erster Linie diskutierten die Vortragenden dabei den Aufstieg des Post-Chorus, des Multipart-Zyklus und den jüngsten Erfolg des „Pop-Drop“. Darüber hinaus beleuchteten von Appen und Frei-Hauenschild die Methoden der Korpusanalyse sowie der Partneranalyse als Modelle für zukünftige Analysen in der Musikwissenschaft. Im Hinblick auf das Hauptthema der Konferenz („Future/Present“) stellten sie zudem die Frage, wie Veränderungen in Popsongstrukturen Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen widerspiegeln könnten.

Nicht alle Vorträge überzeugten auf diese Weise: Victor Szabos (Hampden-Sydney College, USA) und Rebecca Rinsemas (Northern Arizona University, USA) Präsentationen etwa, die mit ihren Beiträgen die vorletzte und letzte Vortragssession dieses Tages beschlossen, haben uns rückblickend eher verwirrt als erhellt: Bei Szabos Referat über „A Design-Oriented Approach to Recorded Music and ‚Post-Genre Genres‘“ hatten wir phasenweise den Eindruck, einer sphärischen „design-oriented“ Séance beizuwohnen, in der es womöglich darum ging, sogenannte Post-Genre Genres – we are still not sure how to make use of this; es handele sich dabei laut Programmheftauskunft um die Musikstile „alternative, ambient and cloud rap“ – als Lifestyle-Marke von u.a. „sanfter Männlichkeit“ zu verherrlichen.

Möglicherweise unterstützt durch (störende!) nicht-funktionierende Video-Clips während Rinsemas Präsentation über „The Politics of Coming of Age: Nostalgia for Innocence in Millenial Music“ wurde uns des Weiteren nicht klar, wie und mit welchem Ziel sie ihre Forschungsergebnisse generierte. Ihr Vortrag über die Popmusik der sogenannten Millenials (um den Jahrtausendwechsel Geborene) verstrickte sich gen Vortragsende immer mehr in Widersprüche: Einerseits führe die genannte Zielgruppe ein finanziell selbstständiges Leben, andererseits seien sie jedoch zu lange finanziell von ihren Eltern abhängig. (um die Musik ging es dabei schon länger nicht mehr). So oder so, die so von der Referentin beschriebenen heutigen 20- bis 30-Jährigen Hascherl, gebeutelt durch (anscheinend in den USA unabschaltbare) „Echtzeit“-TV-Reportagen von beispielsweise Schießereien, würden ihren bereits „nostalgischen“ Wünschen nach „einfacheren und unschuldigen Zeiten“ der gerade einmal (nicht) entwachsenen Kindheit popmusikalischen Ausdruck verleihen. Weder war klar, welche Musik hier eigentlich gemeint war, noch mochte man zu dieser so beschriebenen Gruppe gehören.

Möglicherweise waren die genannten Vorträge faktisch besser untermauert und wir haben das schnelle US-Englisch nicht richtig akustisch verstanden, weil unsere Mägen bereits laut knurrten (auf Deutsch); Fakt bleibt, dass hier wie auch bei anderen Tagungsbeiträgen von Hanns-Werner Heisters alter Aufforderung an die Musikwissenschaft, „Musik und...“ zu untersuchen, nur mehr ein bloßes und leeres „und?“ übrigblieb. Abends dinierten wir daher wie griechische Göttinnen und Götter in schwedischer Manier bei nur bedingt veganem Tzatziki, Bifteki und Ouzo direkt am Fluss. Anschließend folgte im studentischen Austausch mit Berliner Kommilitonen eine kurze Introduktion in die Musikzoologie am Beispiel eines Versuchsberichts der Pawlow’schen Konditionierung zweier Hamster unterschiedlichen Geschlechts mittels Musik und deren daraus resultierendem kannibalistischen Verhalten. Ok cool.

 

Donnerstag, 21. Juni, 09:48, Bahnhof Uppsala: Wir nutzten die Wartezeit auf den Flug nach Österreich als Gelegenheit für einen Zwischenstopp in Stockholm. Bei teilweise regnerischem Wetter erkundeten wir die Hauptstadt, wobei wir insbesondere Metal-Plattenläden, schwedische Zimtschnecken und skurrile Souvenirläden inspizierten.

 

 

Unsere Conclusio: Trotz interessanter Aus- und Einblicke in verschiedene Diskurse und Disziplinen der Popularmusikforschung bzw. Pop Music Studies mussten wir feststellen, dass einige Papers noch in  frühen Entwicklungsstadien standen und die präsentierten Ergebnisse oft nicht so umfassend und greifbar waren, wie erhofft. Die Konferenz brillierte durch die Diversität an Forschungsthemen sowie deren Interkonnektivität – was der Titel der Tagung versprach, wurde in diesem Sinne auch gehalten.

 

Wir sind sehr dankbar für die Möglichkeit, an dieser Exkursion teilgenommen, einen Blick in die schwedische und internationale Forschungslandschaft erhascht zu haben und hoffen, dass derartige Tagungsexkursionen auch weiterhin verwirklicht werden können. Das musste jetzt einfach mal gesagt werden. In diesem Sinne: SKOL!