Darmstadt

Tagungsexkursion zum 15. Darmstädter Jazzforum –

Jazz @ 100 | (K)eine Heldengeschichte 

Bericht von Stefanie Drexler und Eva Krisper

 

Die dritte Institutsexkursion dieses Studienjahres führte uns zum 15. Darmstädter Jazzforum, welches von 28. bis 30. September 2017 unter dem Motto „Jazz @ 100 | (K)eine Heldengeschichte“ veranstaltet wurde.

Während unseres Aufenthalts fanden wir Unterkunft im Gästeappartement der Stadt Darmstadt, das wir aufgrund der Städtepartnerschaft mit Graz sowie der Vermittlung durch Tagungsveranstalter und Direktor des Darmstädter Jazzinstituts Wolfram Knauer kostenlos nutzen konnten. Es befindet sich in einem Teilgebäude des dortigen Krankenhauskomplexes. Ein ungewöhnlicher erster Eindruck: Zugegebenermaßen irrten wir etwas amüsiert im Hospitalgelände umher, bis wir den Appartementschlüssel in der zentralen Notaufnahme (= Rezeption) von einer freundlichen Krankenhausmitarbeiterin entgegennahmen – wir wurden außerdem mit wertvollen Empfehlungen in punkto Restaurants und Abendgestaltung sowie mit Handynummern für Notfälle (pun intended) versorgt.

 

Die geringe Entfernung von der Unterkunft zur Tagungsstätte empfanden wir als äußerst praktisch. Nur zwei Gehminuten lag unser großräumiges Appartement vom geschichtsträchtigen Ort der Tagung, dem Darmstädter Literaturhaus (ehemals Amerika- bzw. John-F.-Kennedy-Haus), entfernt, wo die verhältnismäßig kleine Konferenz stattfand: Insgesamt waren es 15 nacheinander folgende Beiträge (inklusive einer Diskussionsrunde mit dem US-amerikanischen Jazzpianisten Orrin Evans) von ForscherInnen aus Deutschland, England, den USA und Australien – die erste Exkursion des Instituts für Jazzforschung zu einer Tagung, in der keine parallel laufenden Panels stattfanden. Aufgrund der dadurch entstandenen angenehmen Diskussionsatmosphäre, konnten wir mit den Vortragenden unkompliziert in Kontakt treten.

 

Am Ankunftstag fanden nachmittags die ersten drei Vorträge der Jazzforschungstagung statt, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Der Fotograf Arne Reimer erzählte aus journalistischer Perspektive von seinem 2016 erschienenen Buch American Jazz Heroes Vol. 2, aus dem am Tagungsort Fotos ausgestellt waren. Reimer hatte US-amerikanische JazzmusikerInnen zu Hause besucht, die er einerseits interviewte und andererseits für sein Buchprojekt fotografierte. In seinem Vortrag fokussierte er insbesondere jene JazzmusikerInnen, die zum Zeitpunkt seines Besuches in prekären Verhältnissen lebten und erörterte, wie sie mit mangelnder Anerkennung nach dem Ende der zurückliegenden erfolgreichen Phase ihrer Karriere umgingen. Danach diskutierte Nicholas Gebhardt, Professor für Jazz and Popular Music Studies an der Birmingham City University, autobiographische Dokumentationen zum Jazz aus Jelly Roll Mortons oraler Jazzgeschichte, die der Musiker 1938 für die Library of Congress aufnahm. Gebhardt offerierte am Beispiel von Alan Lomax‘ Mister Jelly Roll einen Einblick in unterschiedliche Perspektiven und Haltungen (u.a. von JazzforscherInnen und MusikerInnen), die sich in der Veröffentlichung dieser Überlieferung widerspiegeln. Schließlich beendete Katherine Leo aus den USA den Nachmittag mit einem Blick auf die Original Dixieland Jazz Band, deren Aufnahmen „Livery Stable Blues“ und „Dixieland Jazz Band One-Step“ aus dem Jahr 1917 oft als erste der Jazzgeschichte bezeichnet werden. Anhand von Gerichtsakten näherte sich Leo mit kritischem Blick der Rezeption dieser Aufnahmen und den unterschiedlichen Narrativen, die erkennbar sind.


Am Abend dieses Tages besichtigten die KonferenzteilnehmerInnen gemeinsam das Jazzinstitut Darmstadt, das, gelegen im Bessungener Kavaliershaus, einem barocken Jagdschloss, einen bleibenden Eindruck hinterließ. Nachdem die TagungsteilnehmerInnen Einblicke in die eindrucksvolle Sammlung an Literaturbeständen – insbesondere freute uns, die Publikationsreihen des Jazzforschungsinstituts Graz zu erblicken –, informativen Postern und Tonträgern genommen hatten, wurde zum gemeinsamen Abendessen im gemütlichen Gewölbekeller direkt unter dem Darmstädter Jazzinstitut geladen. Im Rahmen dieses köstlichen Dinners bei stimmungsvollem Ambiente konnten wir unsere ersten Kontakte mit ForscherInnen und KonzertveranstalterInnen knüpfen bzw. vertiefen.

 

Das Jazzinstitut Darmstadt richtet sich mit seinem Archivbestand nicht nur an ein wissenschaftliches, sondern auch an ein nicht-akademisches Publikum. Demnach hörten sich bei der Tagung ebenso Personen die Vorträge an, die nicht an Universitäten oder ähnlichen Bildungseinrichtungen über Jazz oder verwandte Themengebiete forschen, sondern u.a. als (Amateur-)MusikerInnen aktiv sind. Der Austausch von ExpertInnen dieses Fachgebiets und interessierten Laien schien angesichts der auf die Präsentationen folgenden Diskussionsrunden – und abseits der oftmals gegebenen Sprachbarriere (es wurde ausschließlich auf Englisch referiert und diskutiert) – jedoch nicht immer gelungen, da der Großteil der Vorträge jazzgeschichtliches Fachwissen voraussetzte. Da es bei der Konferenz nur einen zentralen Veranstaltungsraum gab, fiel außerdem auf, dass nur sehr wenige unter 30-Jährige und vor allem wenig weibliche Personen das diesjährige Jazzforum besuchten – mit Ausnahme von uns sowie einer Studentin, die als Mitarbeiterin an der Veranstaltung fungierte, erblickten wir keine KommilitonInnen von anderen Universitäten.

Am zweiten und dritten/letzten Konferenztag haben wir uns abseits interessanter Vorträge – beispielsweise von Tony Whyton (Birmingham, UK) über die Micro History seines Großonkels und der Bedeutung lokaler sowie oft sehr persönlicher Erinnerungen von MusikerInnen oder VeranstalterInnen für den Diskurs etwa über Jazz als transnationale Praxis oder von Scott DeVeaux (Charlottesville, USA) über „An Alternative History of Bebop“, der im Rahmen seiner Präsentation die Anfänge des Bebop als Grundlage des modernen Jazz hinterfragt – darüber gefreut, dass auch Live-Musik im Tagungsprogramm vorgesehen war: Am Freitagabend sahen wir das Julia Hülsmann Oktett – Julia Hülsmann (p), Aline Frazão (voc), Live Maria Roggen (voc), Michael Schiefel (voc), Stephan Braun (cello),  Héloïse Lefebvre (vln), Eva Kruse (b) und Eva Klesse (dr) – in einem ehemaligen Kraftwerk, der sogenannten Centralstation, welche sich auch über die Grenzen Darmstadts hinaus als erfolgreicher Veranstaltungsort etabliert hat. Das Oktett erfrischte mit abwechslungsreichem Programm bestehend aus Eigenkompositionen und Arrangements von Stücken der Bandmitglieder.


Am letzten Konferenzabend gab Orrin Evans – Pianist, Komponist, Produzent aus Philadelphia, der ab 2018 Ethan Iversons Pianoposten im bekannten US-amerikanischen Jazztrio The Bad Plus übernimmt – ein eindrucksvolles Solo-Klavier-Konzert in der Bessunger Knabenschule.

 

Die Tagung bewies, dass die Jazzgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven – die der MusikerInnen, der Jazzfans, der JazzforscherInnen, JournalistInnen etc. – rezipiert und verschriftlicht wird. Dabei wird besonders deutlich, dass ein vermeintliches Festhalten an der Idee einer, gar absoluten Wahrheit bei der geschichtlichen Darstellung des Jazz (oder anderen Musiken) nur einseitig und somit unvollkommen, also mangelhaft ist. Wer sich hingegen, wie die in Darmstadt versammelten (Gründer-)Väter der US-amerikanischen und europäischen New Jazz Studies, zum Ziel macht, den sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Kontext, in dem sich die Musiken ereignen und wahrgenommen werden, in den Blick zu nehmen, kann auf vielschichtige Erkenntnisse bzw. Ergebnisse wie die in Darmstadt präsentierten stoßen, die eine Annäherung an eine umfassende Jazzgeschichte überhaupt erst ermöglichen. Zusammengefasst erlebten wir eine von Wolfram Knauer und seinen MitarbeiterInnen erfolgreich veranstaltete Tagung und schätzten das familiäre und inspirierende Zusammentreffen von JazzforscherInnen, -musikerInnen, -journalistInnen und -fans aus dem deutschsprachigen sowie anglophonen Raum. 

Als Studierende des Instituts für Jazzforschung blicken wir zum Ende des Tagungsjahrs 2017 dankbar auf eine Reihe anregender, vernetzungs- und vor allem lehrreicher Exkursionen zurück. In der Hoffnung auf die Möglichkeit, auch an zukünftigen Institutsexkursionen teilzunehmen, freuen wir uns auf das kommende Jahr.