Amsterdam

„Re/Sounding Jazz“ – Exkursion der Studierenden zur fünften Rhythm Changes-Konferenz am Conservatorium van Amsterdam von 31. August bis 3. September 2017

 

Studierendenbericht von Stefanie Drexler, Stefanie Hecher, Eva Krisper,

Alexandra Röck und Anna Suschnigg

 

Die in diesem Jahr bereits zweite Studierendenexkursion des Instituts für Jazzforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (KUG) führte zur fünften Rhythm Changes Konferenz in die Hauptstadt der Niederlande: Die Tagung zum Thema „Re/Sounding Jazz“ fand vom 31. August bis 3. September 2017 im Conservatorium van Amsterdam statt. Rund 150 WissenschaftlerInnen im Bereich der Jazzforschung aus über 30 Ländern weltweit nahmen daran teil, darunter auch vier ForscherInnen aus Graz.

 

5:15 Uhr – eine für Studierende äußerst gewöhnungsbedürftige Uhrzeit: Drei Musikologie-Studentinnen und eine Doktorandin in spe bieten der Müdigkeit jedoch heldenmutig die Stirn, als sie sich in gespannter Vorfreude auf Amsterdam mit Prof. Dr. Doehring und Dr.in Bruckner-Haring am Grazer Flughafen trafen, um die Reise nach Amsterdam anzutreten.

Nach einem komplikationslosen Reiseverlauf von Graz über Frankfurt nach Amsterdam, der Schlüsselübergabe eines liebevoll möblierten Apartments, einem gemütlichen Mittagessen und Lebensmitteleinkäufen für unsere kurzzeitige Studentinnen-WG, trafen wir noch am selben Abend zur Registrierung im Conservatorium van Amsterdam ein. Von freundlichen Mitarbeiterinnen wurde uns jeweils eine Rhythm-Changes-Umhängetasche inklusive Schreibunterlagen, Programmheft, Namensschild etc. ausgehändigt, während wir bereits erste Kontakte mit KonferenzteilnehmerInnen aus den USA, Deutschland und England knüpften. Besonders inspirierend fanden wir außerdem Persönlichkeiten wie Sherrie Tucker, Scott DeVeaux, Tony Whyton, Christopher Ballantine, Krin Gabbard und viele mehr, die uns bis dato nur durch das Lesen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten bekannt waren. Schnell wurde bei uns der Eindruck erweckt, dass es sich bei der Rhythm-Changes-Community um familiär wirkende Vertrauensverhältnisse handelt.

RC Konferenz 2017; Foto: Anna Suschnigg

Der erste offizielle Konferenztag begann für uns bereits um 8.30 Uhr mit dem Auslegen der mitgebrachten Bücher aus den Publikationsreihen des Instituts für Jazzforschung sowie Werbematerialien der KUG. Das Institut für Jazzforschung finanzierte die Keynote-Speech von Dr.in Sherrie Tucker, Professorin für American Studies an der University of Kansas (USA), mit dem Titel „The Best of Jazz, the Worst of Jazz: Why I’ve been playing the Adaptive Use Musical Instrument“: Als Hauptrednerin präsentierte und diskutierte sie in erster Linie ihr aktuelles Forschungsprojekt über das „Adaptive Use Musical Instrument“, kurz „AUMI“ – ein innovatives Computerprogramm, das Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung Musikmachen physisch erfahren lässt. Mit entsprechendem Körpereinsatz führte Dr.in Sherry Tucker den KonferenzteilnehmerInnen die Funktionsweise des Programms vor und bewies dabei eine erfrischende Portion Humor und Spaß bei der Sache. Ihre Präsentationsweise sowie ihre wohl persönliche Identifikation mit dem Projekt machten den Vortrag zu etwas ganz Besonderem, wobei sie das Motto der diesjährigen Rhythm Changes Konferenz – „Re/Sounding Jazz“ – bereits in diesem Tagungsauftakt treffend skizzierte und unser Interesse an den darauffolgenden Vortragssessions weiter erhöhte.

RC Konferenz 2017; Foto: Anna Suschnigg

Im Rahmen des Konferenzprogramms hatten wir die Möglichkeit, zwischen drei, bisweilen sogar vier parallel verlaufenden Vortragssessions mit üblicherweise drei Einzelbeiträgen zu wählen, wobei wir uns anhand der Abstracts im Programmheft bereits vorab ein Bild von den zu erwartenden Themengebieten der Vorträge machen konnten. Einige wenige Präsentationen wichen inhaltlich jedoch von den eingereichten Abstracts ab, was es uns teilweise erschwerte, dem (nicht immer akzentfreien) Wissenschaftsenglisch zu folgen. Insgesamt wurden auf der Rhythm Changes Konferenz 31 Vortragssessions abgehalten, die unter anderem Themengebiete wie Recording, Early Jazz, Women in Jazz, Improvisation, Voices, Identity, Fusion und Media umfassten. Aufgrund des dichten Tagungsprogramms kristallisierte sich die eingeplante Diskussionszeit nach den Vorträgen  oft als zu kurz heraus; der internationale wissenschaftliche Austausch und Netzwerkaktivitäten fanden nicht nur während der Vortragssessions, sondern häufig in den Pausen- und Abendgesprächen statt. Abseits der wissenschaftlichen Präsentationen umfasste das Konferenzprogramm eine Filmdokumentation mit dem Titel „Sicily Jazz: The World’s First Man in Jazz“, ein Jazz-Konzert von Sanne Huijbregts sowie einen morgendlichen Lauf durch das Zentrum von Amsterdam.

RC Amsterdam 2017; Foto: Katharina Weißenbacher

Die zweite Keynote-Speech, präsentiert von Dr. Wolfram Knauer (Direktor des Jazzinstituts Darmstadt), trug den Titel „Space ist the Place: About the interconnectedness between space and sound in improvised music“. Knauer diskutierte verschiedene Aspekte der Verbindung von Klang und Raum – es ging beispielsweise um Klang als „Social Space“, „Sound Sculptures“ und politische Dimensionen des Klangs in Sun Ras „Outer Space“.

Aufgrund des schönen Wetters, der idealen Lage des Conservatoriums am Gewässer Oosterdok und der ebenso praktischen wie leckeren Lunchpakete, die von den VeranstalterInnen für alle KonferenzteilnehmerInnen täglich bereit gestellt wurden, konnten wir unsere Pausen im Freien genießen und im angenehmen Sonnenschein neue Energie tanken, während wir uns über unterschiedliche Vorträge und Beitragsinhalte unterhielten. Sehr beeindruckt haben uns beispielsweise auch die Beiträge der WissenschaftlerInnen unseres Instituts: So hat Dr.in Christa Bruckner-Haring die aktuelle österreichische Jazzszene mit Einflüssen aus der österreichischen Volksmusik von Puschnig bis HMBC präsentiert, Prof. Dr. Doehring thematisierte anhand eines Musikbeispiels elektronische Tanzmusik im Spannungsverhältnis zwischen Jazz und Popmusik, Dr. Michael Kahr sprach über Jazz in Graz und seinen „artistic research approach“ und Mag.a Katharina Weißenbacher referierte über „Jazz behind the Iron Curtain“, basierend auf dem Thema ihres Dissertationsprojektes „Der Jazz unter Kontrolle des Systems: Die Entwicklung des Jazz in der DDR in den 1960er Jahren“.

Gruppenfoto Amsterdam; Foto: Lena Fürnkranz

Die Möglichkeit, dass wir bereits im Rahmen des Studiums über das Institut für Jazzforschung die Chance erhalten, an internationalen wissenschaftlichen Tagungen im Ausland teilzunehmen, ermöglicht uns unbezahlbare Erfahrungswerte: So wird beispielsweise die persönliche Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden gestärkt und gleichzeitig der wissenschaftliche Reifeprozess in vielfacher Hinsicht gefördert und gefordert. Abseits der sozialen Komponente nehmen wir die Beteiligung an Exkursionen außerdem als besonders prägende Erlebnisse wahr, indem wir unser Interesse an den unterschiedlichen, für uns persönlich relevanten Forschungsinhalten vertiefen, neue Themen und Ansätze kennenlernen und dadurch unseren Wissenshorizont erweitern können. Die „teilnehmende Beobachtung“ von den zahlreichen Beiträgen motivierte uns kontinuierlich, über Inhalte zu reflektieren: So fiel uns beispielsweise auf, dass bei vielen Projektpräsentationen Feldforschung als Methode herangezogen wurde und verhältnismäßig wenige musikalische Strukturanalysen zur Anwendung kamen. Außerdem wurde uns bewusst, wie wichtig es ist, beim Vortragen Blickkontakt mit dem Publikum herzustellen, weitgehend frei zu referieren und dabei gleichzeitig die inhaltliche Struktur nicht aus den Augen zu verlieren. Schließlich hätten wir uns gewünscht, dass ausgewählte Musik- und Videobeispiele im Rahmen der Vorträge teilweise besser platziert und länger abgespielt worden wären, und dass die Technik im Sinne aller Vortragenden reibungsloser funktioniert hätte.

Die „Re/Sounding Jazz“ Rhythm Changes Konferenz 2017 in Amsterdam bleibt uns als eine durchwegs positive, inspirierende Erfahrung in Erinnerung und hat dazu beigetragen, unser Interesse an der musikwissenschaftlichen (Arbeits-)Welt, im Besonderen an der Jazzforschung, zu stärken. Wir sind dankbar für die Möglichkeit dieser Exkursion und sind gespannt auf die nächste Reise zum 15. Darmstädter Jazzforum „Jazz @ 100 / (K)eine Heldengeschichte“ vom 28. bis 30. September 2017, aber auch auf die künftigen Tagungen im Hause: Die GfPM/GMTH-Konferenz „Populäre Musik und ihre Theorien“ vom 17. bis 19. November 2017 und die „Jazz Voices“-Konferenz des Instituts für Jazzforschung in Kooperation mit der Internationalen Gesellschaft für Jazzforschung vom 17. bis 20. Mai 2018 werden international bekannte Popularmusik- und JazzforscherInnen an die KUG bringen.

Mit besonderer Vorfreude erwarten wir die nächste Ausgabe der Rhythm Changes Konferenz, deren Veranstaltungsort am Ende der diesjährigen Tagung angekündigt wurde: Vom 11.–14. April 2019 wird diese weltweit größte Konferenz im Bereich der Jazzforschung bei uns an der KUG stattfinden.

Ankündigung 6. RC-Konferenz; Foto: Anna Suschnigg